Subjektive Bedeutung von Modalverben
Modalverben haben nicht nur ihre normale Bedeutung, sondern können auch eine subjektive Bedeutung haben. Sie äußern dann Vermutungen. Man unterscheidet dabei zwischen der Bedeutung von Vermutungen und deren Grad der Wahrscheinlichkeit.
Das Wichtigste im Überblick
- Modalverben können auch subjektive Bedeutungen haben
- In diesem Fall drücken Sie Vermutungen aus
- Je nach Modalverb ändert sich der Grad der Wahrscheinlichkeit
Inhaltsverzeichnis
Was heißt subjektive Bedeutung?
Modalverben können nicht nur eine Funktion (z. B. Erlaubnis, Notwendigkeit, Fähigkeit) haben, sondern auch die subjektive Einschätzung des Sprechers ausdrücken. Dabei geht es darum, wie sicher oder unsicher eine Aussage ist.
Man unterscheidet zwischen der Bedeutung von Vermutungen und deren Grad der Wahrscheinlichkeit.
Warum ist das wichtig?
Ein und dasselbe Modalverb kann je nach Kontext unterschiedlich verstanden werden.
Deutschlernende müssen lernen, dass die Bedeutung nicht immer „wörtlich“ genommen werden kann.
Beispiel
- „Der Unfall muss heute Nacht passiert sein.“ → Hier drückt „muss“ keine Pflicht aus, sondern eine sehr hohe Wahrscheinlichkeit.
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Wahrscheinlichkeit der Modalverben
Welche Modalverben drücken welche Wahrscheinlichkeit aus?
| Modalverb | Wahrscheinlichkeit | Beispiel |
|---|---|---|
| müssen | sehr wahrscheinlich | Er muss längst zu Hause sein. |
| dürfen | wahrscheinlich | Er dürfte längst zu Hause sein. |
| können | möglich | Er kann längst zu Hause sein. |
| mögen | vielleicht | Er mag längst zu Hause sein. |
| sollen | jemand sagt, dass | Er soll längst zu Hause sein. |
| wollen | unwahrscheinlich | Er will längst zu Hause sein. |
Tipp
Die subjektive Bedeutung von Modalverben hilft, Wahrscheinlichkeiten oder Behauptungen genauer einzuordnen.
Müssen: sehr wahrscheinlich / fast sicher
Müssen drückt einen hohen Wahrscheinlichkeitsgrad aus.
Beispiele
- Der Unfall muss heute Nacht passiert sein. → Der Unfall ist sicher heute Nacht passiert. (Heute Morgen haben Passanten das kaputte Auto neben der Straße gesehen.)
In diesem Beispiel ist sich der Sprecher sehr sicher, dass der Unfall passiert ist.
- Die Party müsste gegen 2 Uhr morgens zu Ende gehen. Wir haben die Nachbarn gebeten, bis zu dieser Uhrzeit Nachsicht mit uns zu haben.“
Sehr wahrscheinlich wird die Party um 2 Uhr enden.
Vergleich zu sollen:
- Die Party soll gegen 2 Uhr morgens zu Ende gehen. → Hier drückt „sollen“ nur eine Erwartung oder eine Information aus, die man gehört hat. Es gibt keine Gewissheit.
- Die Party müsste gegen 2 Uhr morgens zu Ende gehen. → Hier drückt müsste eine starke Vermutung aus – der Sprecher geht fast sicher davon aus.
Müssen ist immer stärker als sollen – auch beim normalen Gebrauch der Modalverben.
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Dürfen: wahrscheinlich
Das Modalverb dürfen erscheint mit subjektiver Bedeutung nur im Konjunktiv der Vergangenheit und drückt eine Wahrscheinlichkeit aus.
Beispiele
- Hans dürfte nicht zu spät kommen. → Hans ist rechtzeitig weggegangen und wird wahrscheinlich pünktlich beim Meeting sein.
- Der Postbote dürfte jeden Moment mit dem Paket von deiner Mutter kommen. → Es ist wahrscheinlich, dass der Postbote bald kommt.
Dürfte drückt eine hohe Wahrscheinlichkeit aus – aber etwas weniger sicher als müssen.
Können: möglich / ungewiss
Können drückt eine Ungewissheit aus.
Beispiele
- Herr Müller kann schon früher nach Hause gegangen sein. → Herr Müller ist nicht mehr da. (Vielleicht ist er schon zuhause?)
- Herr Müller kann doch die Stelle nicht neu besetzt haben, ohne mich vorher zu fragen! → Hier drückt können aus, dass der Sprecher sich fast sicher ist, dass etwas nicht passiert ist – aber eine kleine Unsicherheit bleibt.
- Er weiß, dass es sehr seltsam aussehen kann, wenn er bei Minusgraden ohne Schuhe durch die Straßen spaziert, aber er ist ein Naturfreak. → Können drückt aus, dass etwas möglich ist, aber nicht sicher eintreten muss.
Besonderheit:
Können kann manchmal eine sehr starke Sicherheit ausdrücken – zum Beispiel, wenn der Sprecher entsetzt ist. In solchen Fällen kann es fast die Bedeutung von muss haben: „Das kann doch nicht sein!“
Mögen: möglich / Vermutung
Mögen drückt eine Vermutung aus.
Beispiele
- Sandra mag schon 30 Jahre alt sein. → Wahrscheinlich ist Sandra schon 30. (So alt sieht sie nämlich schon aus.)
- Sie mögen mein Talent als Schriftsteller vielleicht anzweifeln, aber ich kann Ihnen versichern, dass mein Buch ein Bestseller wird! → Der Sprecher erkennt an, dass andere sein Talent infrage stellen (es ist möglich, aber nicht sicher), betont aber, dass er überzeugt von seinem Erfolg ist.
Mögen ist also schwächer als müssen und dürfen – es drückt nur eine Möglichkeit aus, keine Gewissheit.
Können und mögen können beide eine Möglichkeit ausdrücken, aber mit unterschiedlichem Fokus. Im Gegensatz zu können betont mögen eine subjektive Einschätzung oder Meinung. Können drückt eine objektive Möglichkeit aus, ohne Wertung.
- Das mag stimmen. (= Ich halte das für möglich, bin mir aber nicht sicher.)
- Das kann stimmen. (= Es gibt eine reale Möglichkeit, dass es wahr ist.)
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Sollen: Hörensagen / unbestätigte Information
Sollen wird verwendet, wenn etwas über jemanden behauptet wird. Der Sprecher gibt eine Information weiter, ohne selbst zu wissen, ob sie wahr ist.
Beispiele
- Ilse soll 40 Jahre lang geraucht haben. → Man weiß nicht, ob und wie lange Ilse wirklich geraucht hat. Es wird nur vermutet.
- Laut seinen eigenen Aufzeichnungen will Christoph Kolumbus Amerika entdeckt haben. Es soll aber ein Wikinger, Erik der Rote, gewesen sein. → Sollen bedeutet hier: Es gibt eine Behauptung, aber sie ist nicht bestätigt.
Besonderheit:
Sollen wird fast nie für die 1. Person verwendet! Es wird benutzt, wenn über jemand anderen geredet wird. Es ist jedoch möglich, mit einer Formulierung in der ersten Person auf eine Behauptung zu reagieren.
- Eine andere Person behauptet über mich: „Er soll angeblich rauchen.“ Darauf antworte ich: „Ich soll geraucht haben?“
Sollen ist schwächer als können – es drückt nur aus, dass jemand etwas gehört oder gelesen hat.
Wollen: Unwahrscheinliche Behauptung
Wollen wird verwendet, wenn jemand behauptet, etwas getan zu haben – der Sprecher hält diese Behauptung jedoch für unwahrscheinlich.
Beispiele
- Gerda will gestern im Wald einen Bären gesehen haben. → Gerda hat erzählt, dass sie einen Bären gesehen hat, aber das glaubt ihr niemand.
- Der Schüler erzählt dem Lehrer, dass sein kleiner Bruder Kakao über dessen Hausaufgaben geschüttet haben will und dass er sie deswegen nicht mitbringen konnte. → Der Schüler behauptet das, aber es klingt nicht glaubwürdig.
- Laut seinen eigenen Aufzeichnungen will Christoph Kolumbus Amerika entdeckt haben. Es soll aber ein Wikinger, Erik der Rote, gewesen sein. → Die Aussage von Kolumbus wird infrage gestellt.
Besonderheit:
Wollen wird oft genutzt, wenn jemand seine eigene Geschichte erzählt, aber die Zuhörer skeptisch sind. Der Sprecher zweifelt die Behauptung an, aber sagt nicht direkt, dass sie falsch ist.
Wollen ist das schwächste Modalverb bei subjektiven Aussagen – es deutet oft an, dass eine Behauptung wenig glaubwürdig ist.
Modalverben in der Praxis – Szenario eines Unfalls
Am Beispiel eines Unfalls, der gerade passiert ist, lässt sich die subjektive Bedeutung von Modalverben ausgezeichnet veranschaulichen.
Beschreibung eines Unfalls
- „Es muss eben erst passiert sein.“ (hohe Sicherheit – „müssen“)
- „Niemand will etwas gesehen haben.“ (zweifelhaft, unglaubwürdig – „wollen“)
- „Sie dürften übermüdet gewesen sein.“ (hohe Wahrscheinlichkeit – „dürfen“)
- „Sie sollen alkoholisiert gewesen sein.“ (Bericht, unbestätigte Aussage – „sollen“)
- „Sie könnten sich nicht gesehen haben.“ (mögliche Erklärung – „können“)
- „Es mag schlimm aussehen, aber es geht ihnen gut.“ (Einschränkung – „mögen“)
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