Der Pleonasmus – mehr oder weniger überflüssige Wörter
Weißer Schimmel, runde Kugel, zusammenaddieren. Diese Formulierungen sind doppelt gemoppelt, stimmt’s? Beim Pleonasmus sagen Menschen zweimal dasselbe – aber mit verschiedenen Wörtern. Eines davon kann meistens weg, weil es semantisch überflüssig ist, also keine neue Information liefert.
Solche Formulierungen entstehen oft aus mangelnder Sprachreflexion oder aus Gewohnheit. Sie werden als funktionslos bis störend empfunden. Aber manchmal auch nicht …
Stilmittel oder Stilfehler?
Die entscheidende Frage ist: Ist der Pleonasmus bewusst als eine rhetorische Figur gewählt? Oder ist die Formulierung gar nicht als Stilmittel beabsichtigt und somit ein Fehler oder doch zumindest schlechter Sprachstil? Bei der Entscheidung darüber kommt es zudem, wie so oft, auf den Zusammenhang an. Wie sieht’s bei genauerem Hinsehen mit Formulierungen wie lautlose Stille, nochmals wiederholen, persönlich anwesend und zusammenmixen aus?
Was genau ist ein Pleonasmus?
Ein Pleonasmus ist eine semantische Redundanz. Das bedeutet: Eine Aussage wird durch sinnähnliche oder sinnverwandte Begriffe ergänzt, obwohl sie bereits vollständig ist. Zum Beispiel wird ein Gegenstand mit einer Eigenschaft beschrieben, die bereits in seiner Bedeutung enthalten ist. Das Resultat sind unnötig viele Wörter – wie schon der griechische Ursprung des Wortes nahelegt: pleonasmós = Überfluss, Übermaß.
Wirkungen des Pleonasmus
Ein Pleonasmus kann unterschiedlich wirken – je nachdem, ob er bewusst oder unbewusst eingesetzt wird und ob die Menschen, die ihn hören oder lesen, ihn überhaupt bemerken. Grundsätzlich jedoch gilt: Texte ohne Redundanzen wirken präziser. In sachlichen und wissenschaftlichen Zusammenhängen haben Pleonasmen nichts zu suchen.
Als bewusstes Stilmittel: Pleonasmen können Aussagen durch inhaltliche Wiederholung verstärken und ihnen so Nachdruck verleihen. Sie können das Gesagte auch anschaulicher machen, beispielsweise in der Lyrik „leuchtend Licht“. Sie können aber auch emotional beeinflussen und dadurch manipulativ wirken und als negativ empfunden werden.
Als unbewusster Stilfehler: Wer in der Alltagssprache unbeabsichtigt Pleonasmen nutzt, wirkt meist ungebildet, sprachlich ungenau oder nachlässig – vorausgesetzt, die Zuhörenden bemerken es.
Pleonasmen in der Alltagssprache
In der Alltagssprache begegnen uns Pleonasmen viel öfter, als man vielleicht denkt – von vielen Menschen unbemerkt. Manche haben sich einfach eingeschlichen.
Pleonastische Formulierungen ergeben sich oft aus der Kombination unterschiedlicher Wortarten wie Adjektiv und Substantiv oder Adverbien vor Verben.
Beispiele
- alter Greis
- nasser Regen
- persönliche Meinung
- persönliche Anwesenheit
- runde Kugel
- tote Leiche
- weißer Schimmel
- leuchtendes Licht
- schlussendlich
- stillschweigend
Es gibt auch pleonastisch gebrauchte Präpositionen: Bei Verben mit dem Präfix ent- in der Bedeutung aus oder heraus ist eine zusätzliche Präposition aus überflüssig.
Beispiel: Er entkam (aus) einer gefährlichen Situation.
Oft bleiben auch Pleonasmen unbemerkt, die durch die Wiederholung der modalen Bedeutung von Modalverben entstehen – etwa Möglichkeit, Notwendigkeit oder Mutmaßung.
Beispiel: „Es kann möglich sein“ statt „Es kann sein“ oder „Es ist möglich“.
Oft entstehen pleonastische Wendungen auch, wenn Menschen die ursprüngliche Bedeutung eines Begriffs nicht oder nicht mehr kennen und daher den gewünschten Sinn durch ein bedeutungsgleiches Element veranschaulichen, oft in zusammengesetzten Pleonasmen.
Beispiele
- Cuttermesser – engl. cut = schneiden
- Fußpedal – pedal kommt vom lateinischen pes = Fuß
- Düsenjet – engl. jet = Düse
- Gratis-Geschenk
klammheimlich – lat. clam = heimlich - La-ola-Welle – span. la ola = die Welle
- Pulsschlag – lat. pulsus = Schlag
Pleonasmen in Literatur und Rhetorik
Bereits in der Antike haben die Rhetoriker den Pleonasmus als zwiespältig bewertet – sowohl als Redeschmuck (ornatus) als auch als Fehler (vitium). In sachlichen Texten wie wissenschaftlichen Arbeiten, in denen es auf Präzision ankommt, gelten Pleonasmen grundsätzlich als stilistisch unangemessen.
In der Literatur setzen Autor:innen Pleonasmen manchmal gezielt ein, um einen Gegenstand durch die wiederholte Nennung seiner Merkmale besonders eindringlich zu beschreiben. In der Prosa taucht diese Stilfigur etwa im Roman „Der Proceß“ auf, wo der Autor Franz Kafka den Ausdruck „stillschweigend“ verwendet – obwohl Schweigen ja bereits Stille voraussetzt.
In der Dichtung können Pleonasmen manchmal hilfreich sein, um Rhythmus und Melodie zu gestalten – die inhaltliche Genauigkeit tritt dabei bewusst hinter die formale Gestaltung zurück, zum Beispiel, wenn die Verdopplung ein Versmaß füllt oder lyrischen Klang erzeugt. Ein klassisches Beispiel ist die Zeile „Leuchtend Licht, das uns, o Wonne, / Neu erschuf im ird’schen Thone! “ aus einem Gedicht „An den Mond“ von Johann Wolfgang von Goethe. Das Adjektiv „leuchtend“ ist semantisch zwar überflüssig, da Licht per Definition leuchtet, doch es verstärkt die emotionale Intensität und die rhythmische Struktur des Verses.
In Reden kommen Pleonasmen gelegentlich gezielt zum Einsatz, um Nähe zum Publikum und Unmittelbarkeit zu suggerieren. Ob dies gelingt, hängt stark vom Publikum ab. Der Effekt kann auch ins Gegenteil umschlagen: Statt Glaubwürdigkeit zu vermitteln, wirkt die Wiederholung dann ungebildet, unnatürlich oder manipulativ.
Pleonasmus versus Tautologie
Pleonasmus und Tautologie können leicht verwechselt werden. Beide Stilmittel verstärken die Aussage, und man kann bei beiden ein Element weglassen, ohne den Sinn zu verändern. Der Unterschied liegt in den verwendeten Wortarten: Ein Pleonasmus setzt sich meist aus verschiedenen Wortarten zusammen – etwa aus Adjektiv und Substantiv wie in weißer Schimmel oder aus Adjektiv und Partizip Präsens wie in stillschweigend.
Eine Tautologie hingegen besteht aus Wörtern derselben Wortart, etwa immer und ewig oder Und es wallet und siedet und brauset und zischt aus Friedrich Schillers Ballade „Der Taucher“.
Der Unterschied liegt aber nicht nur in der Wortwahl, sondern auch in der Absicht und in der stilistischen Bewertung: Der Pleonasmus stört oft, die Tautologie überzeugt. Während Tautologien ein anerkanntes rhetorisches Mittel, um eine Aussage zu verstärken, einen Rhythmus zu prägen oder eine poetische Wirkung zu erzielen, gelten Pleonasmen oft als unbewusste Redundanz oder als stilistischer Fehler.
Tipp
Achten Sie öfter mal darauf, ob Sie aus Versehen Pleonasmen verwenden. Sie werden merken, dass Sie dadurch immer besser verstehen, wie Sprache funktioniert. Und Sie werden präziser sprechen und schreiben.
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