Das Anagramm – dieselben Buchstaben, unterschiedliche Wörter
Palme und Lampe, Salat und Atlas, Erbgut und Betrug – das alles sind Anagramme. Können Sie erkennen, warum? Weil sie jeweils aus denselben Buchstaben bestehen – nur neu angeordnet, in einer anderen Reihenfolge. Ein Anagramm ist also eine kleine Spielerei, bei der ein Wort, eine Wortfolge, ein Satz oder auch ein Name so umgestellt werden, dass die Buchstaben ein neues Wort oder eine neue Wortfolge ergeben.
Der Begriff leitet sich vom griechischen anagraphein ab, was sich mit „umschreiben“ übersetzen lässt. Als Erfinder gilt der griechische Dichter Lykophron aus Chalkis, der etwa von 320 bis 280 v. Chr. lebte.
Die Anwendung von Anagrammen, auch Schüttelworte genannt, ist vielfältig: als Wortspiele oder Rätsel, als rhetorische Stilmittel in Literatur und Film oder, ehemals, in der Wissenschaft zur Verschlüsselung. Der dazu gehörige Vorgang heißt Anagrammieren. Wer gern Rätsel löst oder das Buchstaben-Spiel „Scrabble“ spielt, hat das bestimmt schon mal selbst ausprobiert.
Das Wichtigste im Überblick
- Anagramme sind zwei unterschiedliche Wörter, die aus den gleichen Buchstaben bestehen.
- Das neue Wort ergibt sich durch das Umstellen der Buchstaben.
- Anagramme können lange oder kurze Wörter sein, manchmal auch ganze Sätze.
- Früher wurden sie auch als Verschlüsselungstechnik genutzt.
Und warum Anagramme im Deutschunterricht? Weil das Herumexperimentieren damit das Vokabular erweitert und kreatives Denken trainiert. Probieren Sie’s aus.
Tipp
Ein Sonderfall des Anagramms sind Palindrome. Dabei handelt es sich um Zeichenfolgen oder Wortfolgen, die vorwärts und rückwärts gelesen identisch sind.
Beispiele: Otto, Kajak, Rentner, Anna, Lagerregal, Ein Esel lese nie. Palindrome finden sich auch in Alltagstexten oder als bekannte Produkt- oder Firmennamen: Ata (Putzmittel), Uhu (Kleber), Maoam (Kaubonbon).
Anagramme im Alltag
Anagramme von Worten zu bilden, macht vielen Menschen Spaß. Zudem trainiert es das logische Denken und den Wortschatz. Deshalb werden sie gerne zum Rätselraten genutzt – ob auf Rätselseiten von Zeitungen oder in Rätselheften. Ein paar Beispiele als Anregung:
| Kurze Anagramme |
|---|
Achse – Asche – Sache Ampel – Lampe – Palme Atlas – Salat Bier – Brie – Brei Elben – Leben – Nebel Eichel – Leiche feiern – Ferien – Reifen Genre – gerne – Regen Hasen – Sahne Helm – Lehm – Mehl Karte – Kater – Kreta Ort – Rot – Tor Schande – Schaden rätseln – lästern Regentag – angeregt |
| Längere Anagramme |
|---|
Atheismus – Mietshaus Baldriantee – Nadelarbeit Bauschutt – Staubtuch Einbrecher – bereichern Gartenbeet – abgeerntet Behoerdenbauten – ohrenbetaeubend Zitronensaft – Fronteinsatz Feuerwehr – Heuwerfer |
| Anagramme aus Namen |
|---|
Leon – Noel Carla – Clara Lukas – Klaus Anna – Nana |
Auch in Kunst und Kultur werden Anagramme gerne genutzt. Im Ballett beispielsweise sind manchmal Anagramme zu finden. In diesem Fall werden sie szenisch getanzt, indem die Tänzer:innen mit Buchstaben auf ihren Kostümen oder Trikots tanzen, die in der Choreographie jeweils zu neuen Wörtern arrangiert werden.
Oder im Film, wo Regisseure damit Spannung oder lustige Situationen erzeugen.
Beispiele:
- Im 1980 erschienenen Horrorfilm „Shining“ von Stanley Kubrick schreibt der kleine Danny mit einem Lippenstift das Wort „REDRUM“ an einen Spiegel. Rückwärts gelesen heißt das „Murder“.
- Im 2010 erschienenen Film „Shutter Island“ von Martin Scorsese bildet sich die Figur Edward Daniels einen Mann mit dem Namen Andrew Laeddis ein – ein Anagramm seines eigenen Namens.
Anagramme in der Literatur
Anagramme sind ein rhetorisches Stilmittel, dessen Tradition bis in die Antike zurückreicht. Besonders in der Literatur fanden und finden sie sich als spielerische oder verschlüsselnde Elemente – von mittelalterlichen Klosterschriften über barocke Wortspiele bis hin zu modernen Avantgarde-Bewegungen und Gegenwart. Häufig wurden und werden sie in Gedichten eingesetzt, um Namen, Botschaften oder verborgene Bedeutungen zu kodieren.
- Anagramme wurden im Mittelalter oft in religiösen Texten oder Handschriften verwendet, etwa als verschlüsselte Namen von Heiligen oder als mystische Symbolik, zum Beispiel in Kabbalah-Traditionen oder als „Nomina Sacra“.
- In den Sonetten des neuzeitlichen Dichters William Shakespeares (1564-1616) kommen häufig Anagramme vor, um unterschiedliche Variationen eines Namens oder verborgene Bedeutungen auszudrücken.
- Beispiel: Im Sonett 135 („Whoever hath her wish, thou hast thy Will“) spielt Shakespeare mit dem Namen „Will“ – ein Anagramm für seinen eigenen Vornamen, das sich im Text als Wortspiel und thematische Verknüpfung wiederfindet.
- In der Barockzeit rund um das 17. Jahrhundert liebte man sprachliche Kunststücke. Anagramme dienten als elegantes Gesellschaftsspiel oder wurden in Gedichten verwendet, um beispielsweise den Namen eines Widmungsträgers zu verbergen.
- Beispiel: Der deutsche Dichter Friedrich von Spee (1591–1635) nutzte in seinen Gedichten Anagramme als raffinierte Wortspiele. In seiner Liedersammlung „Trutz-Nachtigall“ (1649) versteckte er den Namen seiner Muse „Gudula“ im Anagramm „Laudug“ – ein typisch barockes Spiel mit Verschleierung und Enthüllung.
- Im 20. Jahrhundert nutzten Avantgarde-Bewegungen wie Dadaismus und Surrealismus Anagramme, um Sprache zu dekonstruieren und neue Sinnzusammenhänge zu schaffen.
- Beispiele: André Breton, einer der Gründer des Surrealismus, experimentierte mit Anagrammen, um das Unbewusste sprachlich freizulegen. Ein bekanntes Beispiel ist das Anagramm von „L’Union libre“ (1931), in dem er Buchstaben neu ordnete, um assoziative Bilder zu erzeugen.
- Hugo Ball, Mitbegründer des Dadaismus, nutzte in seinen Lautgedichten wie „Karawane“ (1916) auch anagrammatische Techniken, um Sprache zu fragmentieren und traditionelle Bedeutungen aufzulösen.
- Die Dichterin Unica Zürn publizierte 1954 mit „Hexentexte“ ein Buch, das ausschließlich aus Anagramm-Gedichten und Zeichnungen besteht.
- Ein bekannter Anagramm-Dichter der Gegenwart ist Walter Moers, der Erfinder der Figur „Käpt’n Blaubär“. In seinen Romanen über den Kontinent Zamonien – „Die Stadt der träumenden Bücher“ und „Das Labyrinth der träumenden Bücher“ – sind die sogenannten Buchlinge jeweils Anagramme realer Dichter.
- Beispiele: Edgar Allan Poe – Perla La Gadeon, Rainer Maria Rilke – Ali Aria Ekmirrner, Friedrich von Schiller – Heidler von Clirrfisch
- Auch die Harry-Potter-Autorin Joanne K. Rowling verwendet ein Anagramm für den Zauberer Lord Voldemort: Der Name „Tom Marvolo Riddle“ lässt sich umstellen zu „I am Lord Voldemort“.
Anagramme als Verschlüsselungstechnik
Anagramme wurden ursprünglich auch in der Wissenschaft genutzt, um wichtige Informationen zu verschlüsseln. Eine frühe Form der Kryptografie also. Wissenschaftler:innen bauten ihre Erkenntnisse als Anagramme in Texte ein, um Urheberschaft und Geheimhaltung zu sichern. Diese Methode war besonders effektiv, da lange Buchstabenfolgen nahezu unknackbar waren.
Beispiel:
Galileo Galilei verschlüsselte seine Beobachtungen zum Saturn im Anagramm SMAISMRMILMEPOETALEVMIBVNENVGTTAVIRAS, das sich zu „Altissimvm planetam tergeminvm observavi“ („Ich beobachtete den höchsten Planeten in dreigestaltiger Form“) auflösen lässt.
Tipp
Wenn Sie „Anagramm“ bei google.de eingeben, schlägt die Suchmaschine „Meinten Sie: mama rang“ vor – ein sogenanntes „Easter Egg“ der Entwickler:innen, da „mama rang“ ein Anagramm von „Anagramm“ ist.
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