Die Anapher – Wortwiederholung am Satzanfang

„Alle Herzen sind froh, alle Herzen sind frei.“ In diesem Ausschnitt aus der Ballade „John Maynard“ von Theodor Fontane fällt auf: Die beiden Verse beginnen mit denselben Worten. Dabei handelt es sich um eines der einfachsten und häufigsten Stilmittel, die Anapher. Sie kommt in vielen Textsorten vor und dient dazu, Inhalte zu betonen, zu strukturieren oder auch emotional aufzuladen.

Was genau ist eine Anapher?

Die Anapher zählt zu den ältesten und am häufigsten gebrauchten rhetorischen und poetischen Stilmitteln. Schlüsselwörter oder Wortgruppen werden am Beginn aufeinanderfolgender Sätze, Satzteile, Verse oder Strophen gezielt wiederholt – ob in der Alltagssprache oder in Reden, Gedichten und Werbetexten. Schon in der Bibel kommen Anaphern vor.

Der Begriff geht auf das altgriechische anaphorá und bedeutet „Rückbeziehung“ oder „Zurückführen“.

Wirkungen der Anapher

Wie eine Anapher wirkt, hängt stark vom Kontext ab. Zudem können die Effekte einzeln oder miteinander kombiniert auftreten.

  • Betont und hebt hervor: Durch die Wiederholung am Satzanfang lenkt die Anapher die Aufmerksamkeit auf zentrale Begriffe oder Aussagen und verstärkt so deren Bedeutung.
  • Prägt sich ein: Was sich wiederholt, bleibt leichter im Gedächtnis haften. Die Anapher wird gezielt eingesetzt, um Inhalte, Botschaften oder Ideen eindringlicher zu vermitteln.
  • Strukturiert und ordnet: Die Verwendung von Anaphern kann einen Text klarer gliedern. So können die Stilmittel besonders in längeren Texten oder Reden dabei helfen, die Argumentation oder den Aufbau für das Publikum besser nachvollziehbar zu machen.
  • Schafft Rhythmus und emotionale Wirkung: Die Wiederholung kann einen besonderen Sprachrhythmus in den Text bringen – zum Beispiel in lyrischen Texten wie Balladen oder Oden, in Reden oder Liedern. Sie verleiht Nachdruck, weckt oder verstärkt Emotionen wie Feierlichkeit, Dringlichkeit oder Appellcharakter und kann so die Intensität der Aussage erhöhen.

Anapher in der Alltagssprache

In der Alltagssprache kommen Anaphern meist eher unbewusst vor. Auch einige Redewendungen gehen auf eine Struktur mit Anapher zurück, wie etwa „Kommt Zeit, kommt Rat."

Anapher in Literatur und Songtexten

In Gedichten lassen sich mit Anaphern Stimmungen oder Emotionen intensivieren – beispielsweise können sie eine beschwörende Atmosphäre erzeugen, Dringlichkeit unterstreichen oder eine düstere, spannungsgeladene Atmosphäre schaffen. Auch in religiösen Texten hat die Anapher eine lange Tradition.

Beispiele

  • In der Bibel, etwa bei den Seligpreisungen der „Bergpredigt“, wird „Selig sind ...“ anaphorisch verwendet, um die göttlichen Verheißungen eindrücklich zu strukturieren. Die Wiederholung schafft dabei zugleich einen meditativen Rhythmus.
  • Sturm und Drang/Klassik: „Mein Sohn, es ist ein Nebelstreif … Mein Sohn, mein Sohn …" – aus „Der Erlkönig" von Johann Wolfgang von Goethe (1782). Das „Mein Sohn" wird dreimal vom Vater wiederholt – zunächst beschwichtigend, zuletzt verzweifelt. Die Anapher spiegelt hier den vergeblichen Versuch, das Kind zu schützen, und steigert die Dramatik bis zum tragischen Ende.
  • Realismus: „Alle Herzen sind froh, alle Herzen sind frei." – aus „John Maynard" von Theodor Fontane (1886). Durch die Wiederholung wird nicht nur ein Rhythmus erzeugt, sondern auch das Gemeinschaftsgefühl und die kollektive Erleichterung nach der Rettung hervorgehoben.

Ebenso nutzen Songwriter:innen sie, um Rhythmus oder emotionale Tiefe zu erzeugen.

Beispiele aus Songtexten

  • „Meine Stadt, mein Bezirk, mein Viertel, meine Gegend / Meine Straße, mein Zuhause, mein Block" – Liedzeilen aus dem Hip-Hop-Song „Mein Block“ von Sido (2004). Die Wiederholung von „Mein" drückt hier zugleich Identifikation und trotzigen Stolz aus.
  • „Mir ist nicht egal, wie gut du mich kennst / Mir ist nicht egal, wie du mich nennst / Und mir ist nicht egal, wo du gerade pennst" – Liedzeilen aus dem Song „Pocahontas“ von AnnenMayKantereit (2016).

Anapher in der Werbung

Auch im Marketing verwenden Texter:innen Anaphern, um beispielsweise eine Werbebotschaft besser zu transportieren. Denn mit ihr lässt sich die Aufmerksamkeit lenken. Slogans werden wiedererkennbar, sodass eine Marke oder ein Produkt eher im Gedächtnis bleiben.

Beispiele

  • „Carglass repariert. Carglass tauscht aus.“ – Werbeslogan von Carglass
  • “Keine Staus. Keine Hektik. Keine Cocktailparties. Keine Handies. Keine Meetings. Keine Kompromisse. Kein anderes Bier. Wie das Land, so das Jever. Friesisch-herb.” – Werbeslogan von Jever
  • „So klein, so fein, so Giotto." – Werbeslogans von Ferrero
  • „Verliebt in das Leben. Verliebt in Asti Cinzano.“ – Werbeslogan von Cinzano
  • „Gute Preise. Gute Besserung.“ – Werbeslogan von ratiopharm

Anapher in Reden und Politik

In der politischen Kommunikation setzen Redner:innen die Anapher ein, um zentrale Botschaften unmissverständlich zu vermitteln und das Publikum emotional zu erreichen. Besonders bei längeren Reden mit komplexem Inhalt kann das wirkungsvoll sein. Die Anapher kann zum einen wichtige Punkte hervorheben und zum anderen den Text strukturieren, beispielsweise um dem Publikum einen Themenwechsel zu signalisieren.

Beispiel

Das wohl berühmteste Beispiel für eine Anapher ist Martin Luther Kings Rede „I Have a Dream“ (1963). Darin wiederholt er die Phrase „I have a dream“ bzw. „Ich habe einen Traum, dass eines Tages […]“ mehrmals. Das unterstreicht eindrucksvoll seine Vision von Gleichheit und Freiheit für alle Menschen, unabhängig von ihrer Hautfarbe, und verleiht der Rede einen hypnotischen, fast liturgischen Charakter.

Tipp

In Fachtexten oder wissenschaftlichen Arbeiten haben Stilmittel wie die Anapher dagegen nichts zu suchen. Dort sollte man möglichst sachlich formulieren und Wortwiederholungen vermeiden.

Anapher versus verwandte Stilmittel

Die Anapher ist nur eines von mehreren Stilmitteln, die mit Wiederholungen arbeiten. Damit sie nicht verwechselt wird, hier ein paar weitere Stilmittel im Vergleich:

  • Parallelismus: Hier enthalten aufeinanderfolgende Sätze den gleichen Satzbau. Manchmal werden auch Wörter wiederholt, doch im Gegensatz zur Anapher ist dies kein zwingendes Kriterium.
  • Epipher: Dabei handelt es sich um die Wiederholung am Ende mehrerer Sätze.
  • Alliteration: Mehrere Wörter in einem Satz beginnen mit dem gleichen Anfangsbuchstaben.
  • Symploke: Dies ist eine Kombination aus Anapher und Epipher, also eine Wiederholung am Anfang und am Ende.
  • Anadiplose: Dabei wird das Ende eines Satzes zum Anfang des nächsten Satzes.

Tipp

Bei der Analyse einer Anapher im Deutschunterricht kommt es natürlich erst einmal darauf an, das Stilmittel zu erkennen. Ebenso geht es aber darum, die Funktion einer Anapher im Text zu bestimmen. Dabei helfen folgende Fragen:

  • Welche Wörter werden wiederholt? Und warum gerade diese?
  • Wie wirkt die Wiederholung beim Lesen oder Zuhören? Erzeugt sie Rhythmus, Emotionalität oder Betonung?
  • Welchen Effekt hat die Anapher im Gesamtzusammenhang? Trägt sie zur Argumentation, zum Spannungsaufbau oder zur Bildlichkeit bei?

Lesen Sie weiter – ähnliche Themen

  • Palindrom: vor und zurück das gleiche Wort
  • Parallelismus: Reihenfolge der Satzglieder wiederholt sich
  • Ellipse: Auslassung von Sprachzeichen
  • Euphemismus: Unangenehmes beschönigen
  • Anagramm: Dieselben Buchstaben, unterschiedliche Wörter
  • Anekdote: Humorvolle kleine Geschichten mit Pointe
  • Hyperbel: Mit Übertreibungen Freude oder Frust ausdrücken.
  • Alliteration: Gleiche Laute am Wortanfang

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